Ja, die großen Zeitungen tun da ihre Pflicht - und wen wird es erreichen?
Es ist ein Irrtum zu glauben, man könne "Gefühltes" mit Rationalität alleine bekämpfen. Die Erfolge der AfD wachsen aus einer Gemengelage - die objektiv, heißt im Vergleich mit weit der größten Anzahl europäischer Länder - gar nicht als tragisch zu bezeichnen wäre. Aber man vergleicht sich eben immer nur mit der "peer group" soziologisch gesprochen, also mit den "reicheren Nachbarn" und das treibt Unmut. Erstaunlicher Weise nimmt der Unmut, je kleiner die Gemeinde ist, deutlich zu, bedeutet, die Stimmengewinne der AfD folgen messbar der Gemeindegrößenklasse. Also gelte es da hinzusehen.Gefühle bekämpft man nicht mit Intellekt
Die intellektuelle Welt verausgabt sich seit Jahren darin, nachzuweisen, wie viel Unsinn und Menschenverachtung im Denken und in den Programmen der AfD steckt. Dieses Bemühen erreicht genau die Menschen nicht, die man erreichen möchte – geschweige denn, dass sie dort verstanden wird. Die AfD ist dort am stärksten, wo Menschen sich hinten angestellt und übergangen fühlen.
Ein Blick zurück: Wenn Inhalte nicht geprüft werden
Ohne AfD und NSDAP inhaltlich gleichzusetzen, lohnt der Blick auf einen strukturell ähnlichen Mechanismus: Heilsversprechen schlagen Inhalte, wenn der Unmut steigt. „Mein Kampf“ beschrieb literarisch unverblümt, was Hitler vorhatte – gelesen oder ernst genommen hat es kaum jemand. Was zählte, war das kurzfristig sichtbare Ergebnis: Die Arbeitslosigkeit sank, das Leben der Menschen wurde spürbar besser. Die menschenverachtende Begleitmusik dazu wurde einfach ausgeblendet. Die AfD kann zwar keine Erfolge vorweisen aber der Mechanismus – Heilsversprechen schlagen Inhalte – ist derselbe, und er erklärt, warum intellektuelle Aufklärung allein wenig ausrichtet.
Befindlichkeiten setzen das Thema
Die kleinen Gemeinden sind ein großes Potenzial der AfD. Sie stehen leider oft für Versorgungslücken, weniger Bildungsangebote, selektive Abwanderung. Für die neuen Bundesländer kommt eine zweite, historisch gewachsene Komponente hinzu – die als herablassend erlebte Art, mit der Ostdeutsche über drei Jahrzehnte von Westdeutschen behandelt wurden. Und auch Städter über das „Land“. So entsteht ein Grundgefühl: abgehängt bei der Infrastruktur, knapp beim Einkommen, belehrt über Geschlechtervielfalt, während der Klimawandel gleichzeitig die Lebenshaltungskosten treibt.
Das kumuliert in Sympathie für eine Partei, die verspricht, tabula rasa zu machen und die Verhältnisse brutal auf den Kopf zu stellen. Wer in dieser Lage denkt schon darüber nach, was ein EU-Austritt tatsächlich bedeuten würde, was ein Zuwanderungsstopp für die Krankenhäuser hieße oder dass ausgerechnet Reiche vom AfD-Programm am meisten profitieren? Das ist nicht die Stelle, an der bei diesen Menschen der Schuh drückt.
Die Gemeindegröße ist ein belegbares, wichtiges Erklärungsmuster
Eine bundesweite Auswertung der Zweitstimmenergebnisse nach Gemeindegrößenklassen für alle 13 Flächenländer zeigt dieses Muster – in den neuen Bundesländern (Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) sank der AfD-Anteil von 44,7 % in Gemeinden unter 5.000 Einwohnern auf 24,2 % in den Großstädten ab 500.000 Einwohnern; in den alten Bundesländern (Baden-Württemberg, Bayern, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Saarland, Schleswig-Holstein) von 22,0 % auf 12,4 %. Der Zusammenhang zwischen Gemeindegröße und AfD-Zustimmung ist evident. In Gemeinden mit weniger als 20 000 Einwohner leben immerhin ca. 40 % der Menschen.
AfD: Je kleiner die Gemeinde. desto größer der Erfolg
Quellen: Bundeswahlleiterin, Wahlbezirksergebnisse Bundestagswahl 2025 (bundesweite Datei); Statistisches Bundesamt, Gemeindeverzeichnis, Gebietsstand 31.12.2024 (Einwohnerzahlen, Zensus 2022). Eigene Auswertung nach Gemeindegrößenklassen für alle 13 Flächenländer; Stadtstaaten ausgeschlossen. Analyseeinheit: Gemeinde bzw. – wo die Zweitstimmen nicht gemeindescharf ausgewiesen werden (u. a. Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz) – Amts-/Verbandsgemeinde.
Das „reinigende Gewitter“ – ein fragwürdiger Vorgänger …
Für die emotionale Sogwirkung radikaler Umbruchsversprechen gibt es einen literarischen Vorgänger. Thomas Mann schrieb im November 1914, kurz nach Kriegsbeginn, in seinem Essay „Gedanken im Kriege“ (Neue Rundschau):
„Wir kannten sie ja, diese Welt des Friedens. Wimmelte sie nicht von dem Ungeziefer des Geistes wie von Maden? Gor und stank sie nicht von den Zersetzungsstoffen der Zivilisation? Wie hätte der Künstler, der Soldat im Künstler, nicht Gott loben sollen für den Zusammenbruch einer Friedenswelt, die er so satt, so überaus satt hatte? Krieg! Es war Reinigung, Befreiung, was wir empfanden, und eine ungeheure Hoffnung.“
Heute ist nicht 1914, aber um den psychologischen Mechanismus sichtbar zu machen, soll dieses Zitat dienen: Der Wunsch nach einem reinigenden Bruch mit einer als dekadent, ungerecht oder überfordernd empfundenen Gegenwart ist älter als jede aktuelle Partei – und er lässt sich mit Fakten allein nicht auflösen.
Politik, die das Problem kennt und nicht handelt
Dass die Versorgungslücken in der Fläche das eigentliche Einfallstor sind, ist der Politik keineswegs unbekannt. Bereits 2018 richtete die Bundesregierung unter Horst Seehofer eine Kommission „Gleichwertige Lebensverhältnisse“ ein, die genau diese Mängel benennen und beheben sollte. Passiert ist – abseits des Berichts – wenig. Und nun trat ein Friedrich Merz an mit dem Anspruch, die AfD halbieren zu wollen. Aber womit? Mit dem Weghören dort, wo den Menschen der Schuh tatsächlich drückt, lässt sich diese Partei nicht kleiner machen – im Gegenteil.
Dr.J.Rauter 21 08 2026 Datenextraktion aus destatis-Material und Strukturierung: per Claude ProDr. Johannes Rauter 24.08.2026