In verstörender Weise bläst eine Spitzenzeitung das populistischer Horn
Haben wir uns nicht in einem Modus eingerichtet, irgend wer – nur wir selbst nicht – sollen dafür sorgen, dass sich unsere Probleme, z.B. die Reform des Sozialstaates, in Luft auflösen? Und in dieses Horn stoßen auch noch seriöse Medien? „Alle Macht geht vom Volke aus!“ Donnert es uns entgegen. Ja Macht verpflichtet auch, oder. Schon vergessen? Und diese Pflichten gehen dann von wem aus? Vom Volke, also uns selbst – welch Zumutung...Schön frech sei der Kanzler und man regiere „gegen uns“, zetert die SZ
Das glaubt die Süddeutsche Zueignung und argumentiert, Teilzeit beschneiden sei überhaupt nicht nötig, denn: In Deutschland arbeiteten "so viele Menschen wie nie zuvor". Wir hätten beim Arbeitsvolumen ein Allzeithoch erreicht!!
Ach die Fakten ….
Die Zahl der Arbeitsstunden sank von 2019 bis 2024 von 62,1 Milliarden auf 61,4 . Also das Arbeitsstundenvolumen als Quelle jeglicher Wertschöpfung, aus der alle sozialen Wohltaten zu bezahlen sind, sinkt leicht. Die Ruhegehaltsempfänger stiegen um rd. 400 000 in diesem Zeitraum.
Die Vollzeitbeschäftigung (der abhängig Beschäftigten!) stieg 2016 -2025 um 1,2%, die Teilzeitbeschäftigung um 15%. Bei Männern um 33%, bei Frauen um 11%.
Im selben Zeitraum schrumpfte das Verarbeitende Gewerbe um 3%, der Dienstleistungsbereich wuchs um 7%. Der Dienstleistungsbereich, der je Arbeitsplatz im Schnitt um 30% weniger Wertschöpfung bringt als ein Industrie-Arbeitsplatz.
In der Schweiz werden pro Jahr rd. 200 Stunden mehr gearbeitet, in Schweden rd. 100 Stunden. In absolut vergleichbaren Industriestaaten. Warum ignoriert das ein Spitzenmedium? Kanzlerbashing ist wohl schicker? Keine Frage, das Framing seiner Teilzeit-Ansage war grottenschlecht.
Sozialsysteme effizient machen heißt an vielen Schrauben drehen
Die Teilzeit ist doch nur eine Schraube von mehreren: Mehr Zuwanderung, ein Jahr höheres Renteneinstiegsalter, etwas von der Produktivitätssteigerung, mehr vom Sozialprodukt für Alter, Pflege und Gesundheit abgeben. Sichtbar mehr von Geldvermögen über einer Million. Vielleicht auch weniger SUV oder Zweiturlaub.
Die besseren Kitas würden auch etwas helfen, sicher. Teilzeitbeschäftigung im Jahr 2024 : der eigenen Wunsch nach mehr Zeit für sich war für 27,9% lt. Microzensus der Grund für Teilzeit. Und 28% gaben an, wegen Kinderbetreuung und Pflege.
Deutschland hat einen Spitzenplatz bei der Teilzeit. Interessant ist dabei nur, dass der Spitzenreiter die Schweiz ist, die gleichzeitig eine sehr hohe Jahresarbeitszeit pro Beschäftigten ausweist. Das sollten die Medien untersuchen!
Die Erlösung (davor sich selbst in der Verantwortung zu sehen)
Da gibt es einen deus ex machina: die Produktivität! Ja, da können wir schön in der Komfortzone bleiben. Der Einzelne muss dann gar nichts machen! Das alles erledigt die Produktivität. Und schon ist die Verantwortung abgewälzt.Und durchgerechnet hat diese Idee natürlich auch niemand, behaupten ist doch viel einfacher. Da kann der Herr Habermas und andere davon reden dass Demokratie eine Kultur gemeinsamen Urteilens, Probierens und Verantwortens sei, solange sie mögen.
Also die Firmen sollen es richten, sie seien ja für die Produktivität zuständig.
Schein-Lösungswege…
Ja, die Firmeneffizienz erhöhen? Ja, geht immer. Nur ob die den Produktivitätsgewinn ausgerechnet an den Staat abgeben? Der Produktivitätsgewinn geht in die Stärkung der (beklagt niedrigen) Wettbewerbsfähigkeit und die Stärkung der Eigenkapitalbasis. Auch Wünsche der Politik. Zudem: Produktivitätsgewinne gerade im Dienstleistungsbereich bedeuten nebenbei Freisetzung von Mitarbeitern, wächst die Wirtschaft =< 1%.
Aha, die Mentalität und Innovation sollen's richten!
Der Wunsch besteht seit 1990. Im Prinzip richtig. Als dann die Arbeitslosigkeit bis auf 14% stieg, steuerte ein Politiker erfolgreich gegen und - wurde abgewählt. Ja, auch die Demographie hat damals schon etwas geholfen. Löst so ein Demokratieverständnis irgend ein Problem? Soll diese Denke auch noch unterstützt werden?
Innovation - über Start ups, ja und die sollen dann gleich den Gewinn, den sie unter höchstem Risiko nach Jahren erwirtschaftet haben an den Staat abgeben. Weis man wie ungeheure lange es dauert bis Start ups spürbar Arbeitsplätze schaffen? In den hoch kapitalistischen USA waren es nach 25 Jahren geschätzt 10%. So viel zur Realität.
Sicher, Innovation ist immens wichtig, warum nur stellt die vermögende Gesellschaft das Risikokapital nicht zur Verfügung? Warum gibt es keine Finanztransaktionssteuer?
Solche Parteinahme in einem Spitzenmedium gegen eine vernünftige Begrenzung der Teilzeit, und damit gegen jede Mehrarbeit (Schweiz!), schwächt die nötige Mentalität für den Umschwung. Eine Stimmen mehr im Chor jener, die immer beweisen , warum etwas nicht geht? Und dann noch mit postfaktischen Argumenten!
Bittere Urteile über unsere Demokratiegefährdung
Demokratie kann ihre Voraussetzungen nicht garantieren (Böckenförde). Nicht das Gemeinwohl ist das höchste Gut (was aber als das höchste Ziel der Demokratie sein sollte) sondern die Chance wieder gewählt zu werden. Und um das sicher zu stellen, muss versprochen werden, was nicht gehalten werden kann. So der akademische Volksmund.
Die Lösung? Eigentlich einfach
Ethik. Nur versprechen was man einlösen kann , Erwartungen realistisch dimensionieren und alle Lasten transparent auf Reich u n d Arm proportional verteilen. Dann gelingt alles. Der Wille zur Lösung der Probleme der 1950 iger Jahre wäre da die richtige Einstellung. Problem: die Bedrohungen sind gefühlt doch noch zu weit weg. Und wieder ist fühlen der schlechtere Ratgeber als wissen... . Zudem muss in problembeladenen Zeiten Politik für das Land gemacht werden, nicht für das jewilige Parteiklientel.
Dr. Johannes Rauter 08.02.2026